Winterdepression
Zur Verfügung gestellt von Dr. Erwin Demichiel, Direktor des Psychologischen Dienstes im Gesundheitsbezirk Meran.
Jahrtausendelang haben wir uns vor Dunkelheit und Kälte wohl zu Recht fürchten müssen und die Rückkehr von Sonne, Licht und Wärme war vom Wohlwollen unbekannter Mächte abhängig. Auch wenn wir heute meinen, dass Natur nur außerhalb von uns existiert, so kann uns vielleicht das, was manche Menschen im Herbst und Winter als sog. "Winterdepression" erleben, wieder an diese unabänderliche Zugehörigkeit erinnern. Diese saisonal abhängige Depression (SAD) war schon den Ärzten der Antike bekannt und ungezählt sind die Strophen der Dichter, die diese Herbst- und Abschiedsstimmung beschreiben.
Die naturwissenschaftlichen Erklärungen für dieses Phänomen beziehen sich in erster Linie auf den Mangel an natürlichem Tageslicht, auf die verminderte Lichtintensität und die sinkenden Temperaturen, die im Organismus zu veränderten biochemischen Zuständen führen: der Spiegel des Neurotransmitters Serotonin sinkt ab und die Ausschüttung des Hormons Melantonin verstärkt sich.
Die betroffenen Menschen klagen über Beschwerden wie Energielosigkeit, gedrückte Stimmung, Antriebslosigkeit, Rückzug von sozialen Kontakten, vermehrtes Schlafbedürfnis, erhöhte morgendliche Müdigkeit, verstärktes Verlangen nach Kohlehydraten und Süßigkeiten. Meist bleibt der Ausprägungsgrad dieser Beschwerden in einem Rahmen, der dem betroffenen Menschen die Bewältigung des Alltags ohne große Einschränkungen ermöglicht.
Diese Alltagsbewältigung ist in unserer komplexen Welt schwieriger geworden, die Aufforderungen zum jugendlichen Werbeplakatlachen im Gesicht und ungebrochenen Höchstleistungen ist allgegenwärtig und biologische Rhythmen sind Störfaktoren im Wirtschaftsgefüge. So ist auch die mehr oder weniger sanfte und nachdrückliche Einladung zu umgehender Beseitigung von Abweichungen vom psychischen Optimalmaß unüberhörbar. Wie immer - wir leben in dieser Welt und wollen unser Leben so gut es geht auf die Reihe bekommen.
Der aktuelle Gesundheitstipp
Was kann bei oben genannten Stimmungstiefs getan werden? Gehen Sie stufenweise vor:
- Verabschieden Sie sich einmal von der automatischen Erklärung, dass Sie eben krank sind, dass selbstverständlich Sie nicht in Ordnung sind und mit Ihnen etwas nicht stimmt. Denken Sie daran, dass auch in Ihnen natürliche Rhythmen wirksam sind, dass Stimmungsschwankungen und Gefühle der Trauer an sich keine krankhaften Zustände sind und dass manche Ihrer Beschwerden normale Reaktionen auf abnormale Zustände in Ihrer Umwelt sein können.
- Vergegenwärtigen Sie sich, dass eines der wirksamsten Mittel gegen Niedergeschlagenheit und Depression Ihr eigenes Tun ist. Es ermöglicht Ihnen die Erfahrung von Kontrolle über Ihr Leben. Verlangen Sie dabei nicht sofortige und vollständige Resultate. Die Tatsache, dass Sie selbst aktiv etwas tun - allen Hindernissen zum Trotz - ist das Wertvollste dabei.
- An erster Stelle beim konkreten Tun steht dabei regelmäßige Bewegung in verschiedenster Form und Auftanken von Licht. Gehen Sie ins Freie wann immer Sie können - es muss nicht mal die Sonne scheinen. Bekanntermaßen ist das Einhalten eines regelmäßigen Bewegungsprogramms meist schwierig, wenn man dabei alleine ist. Verabreden Sie sich deshalb mit einem anderen Menschen zu solchem Tun - schaden tut es dem anderen bestimmt nicht.
- Denken Sie an alles, was Ihnen gut tut und notieren Sie es sich. Suchen Sie bewusst jede Gelegenheit, um es sich zu ermöglichen.
- Außerdem: Zucker und Schokolade haben Inhaltsstoffe, welche die Serotoninproduktion des Organismus unterstützen - vielleicht sind deshalb die Weihnachtskekse erfunden worden. Naja, Sie wissen ja selbst, wo hier die Grenze liegt.
- Besprechen Sie sich mit Ihrer Hausärztin/Ihrem Hausarzt, um andere Ursachen für Ihre Beschwerden oder das Vorliegen einer anderen Störung auszuschließen. Überlegen Sie mit ihr/ihm, ob die Einnahme eines pflanzlichen Antidepressivums (Johanniskraut) sinnvoll ist. Spechen Sie über die ev. Möglichkeit oder Sinnhaftigkeit einer sog. "Lichttherapie", bei der mit Leuchtgeräten künstliches Licht erzeugt und dem diesbezüglichen Mangel entgegengewirkt werden kann.
- Die Inanspruchnahme der fachlichen Kompetenzen von Psychologen oder Psychiatern sollten Sie sich grundsätzlich erlauben. Schauen Sie diesbezüglich vor allem darauf, wie sehr die Beschwerden Ihren Alltag beieinträchtigen oder ob Sie Zusammenhänge mit anderen Lebensereignissen sehen, bei deren Bewältigung Sie Mühe haben. Auch hier gilt: im Zweifel sprechen Sie mit Ihrer Hausärztin/Ihrem Hausarzt.
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